
Am 10.12.2004 meldete ich offiziell meine seinerzeit als „dauerhaft“ geplante Anwesenheit in der Schweiz an, setzte zwar nicht zum ersten Mal überhaupt meinen Fuss auf den Boden der Confoederatio Helvetica, dafür aber zum ersten Mal auf unbestimmte Zeit, hatte hiermit meine so genannte „Heimat Deutschland“ dauerhaft verlassen. Auf den Tag genau exakt achtzehn Jahre habe ich nunmehr hier in meiner Wahlheimat Zürich gelebt, bin drei Mal umgezogen, ohne meine Anschrift zu wechseln (was im zuständigen Kreisbüro ab und an für Verwirrung sorgte), durfte von dem schönen Quartier mit Namen „Höngg“ aus diese Stadt und dieses Land erkunden, habe sehr viel gesehen, einige traurige und schwere, aber auch sehr viele schöne Zeiten erleben dürfen, sehr viel bei alledem über Menschen (inklusive meiner selbst) und „nationale Befindlichkeiten“ lernen dürfen und auch zuweilen lernen müssen.
Manche Menschen, die mir hier im Laufe dieser Zeit begegnet sind, haben hin und wieder angemerkt, dass sie nie in Zürich und der Schweiz so richtig „angekommen“ sind, egal, wie lange sie hier schon leben würden. Mir ist das nie so gegangen, für diese achtzehn Jahre war Zürich Höngg mein Zuhause, mein Heim, ja, Heimat – auch wenn ich meine Wurzeln in Berlin (West) niemals vergessen werde und kann. Ich kann nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen, warum „Heimat“ zumindest für mich selbst nicht an einen einzigen Ort, den Ort der Geburt, gebunden ist. Mir waren Begrifflichkeiten wie zum Beispiel „Abstammung“, „nationale Identifikation“, „Nationalstolz“ und dergleichen von je her fremd, zuweilen sogar zuwider. Kein Mensch auf dieser Welt kann schliesslich etwas dafür, dass sie oder er an einem bestimmten Ort zur Welt gekommen ist, das haben die Eltern „verbockt“. Wofür ausnahmslos jeder Mensch aber immer Verantwortung trägt ist, was sie oder er aus jener unumstösslichen Tatsache macht. Ich für meinen Teil habe auf zuweilen recht wüste Art und Weise gelernt, dass nichts von absolut unendlicher Dauer ist, gar nichts – auf keine jener Erfahrungen möchte ich verzichten! Wenn sich gewisse „Umgebungsvariablen“ im eigenen Leben ändern, habe ich gelernt, mir diese Veränderungen eine Zeit lang anzusehen und nach reiflicher Überlegung irgendwann zu entscheiden, ob ich an jenen Variablen etwas ändern kann, will und muss oder an mir selbst etwas ändern kann, will oder muss. Aufgrund eines solchen Prozesses bin ich einst in Zürich gelandet und aufgrund eines Jahre später stattgefundenen Prozesses werde ich mein Leben an einem anderen Ort in der Schweiz fortsetzen. Es macht für mich keinen Sinn tatenlos auf Veränderungen zu hoffen, wenn die Realität mir mehr als überdeutlich klar macht, dass mögliche Veränderungen im besten Falle gegen meine eigenen Interessen und Grenzen statt finden werden. All das ändert nichts daran, dass ich mich in Zürich sehr wohl gefühlt habe und mir sicherlich eine Zeit lang jene Vertrautheit einer einstmals selbst gewählten Heimat fehlen wird.
Natürlich hatte ich als EU-Bürger es ungleich leichter, als so viele andere, die in diesem Staate im Herzen Europas stranden oder zuvor gestrandet waren. Hatte ich mich zuvor mit „Migration“ noch nie aktiv auseinander setzen müssen, so zeigte mir der Umzug nach Zürich, was alles in jenem Begriff steckt und zuweilen auch stecken kann. Vielleicht liegt es an meinen Berliner Wurzeln, dass mich so manch eine Eigenheit dieses Staates und seiner Bürger weitaus weniger irritierte, als so manch einen anderen Zuwanderer. Geborene Berliner können viel fressen ( = ertragen), auf genau jene Fähigkeit bin ich stolz, nicht mehr und nicht weniger, aber irgendwann ist auch mal „fertig lustig“, dann geht so manch ein geborener Berliner seinen eigenen Weg (diese Ausdrucksweise ist die an Schweizer Befindlichkeiten angepasste Form von „Individualismus“ in maximal denkbar diplomatischer Art zum Ausdruck gebracht, nur so am Rande angemerkt, schliesslich hat man es mit einem Staat, mit Verwaltung und Menschen zu tun, wo das Miliz-Prinzip bis zum heutigen Tage nicht nur gelebt, sondern auch im Zweifelsfalle ausgeübt wird, Gender-Blödsinn hin oder her, n´est pas?).
In vielerlei Hinsicht ist die Stadt Zürich mir aber auch sehr entgegen gekommen, ich durfte erfahren, dass „Verwaltung“ im direkten Vergleich zu Deutschland auch unkompliziert gehen kann, sehr schweizerisch, alles andere als deutsch. Dabei können durchaus gewisse Schweizer Eigenheiten deutscher anmuten, als das so manch einem Eidgenossen lieb sein dürfte. Um das verstehen zu können (Stichwort: „Learning by doing“!), muss man hier ein paar Jahre gelebt haben. Die Stadt Zürich gibt sich sehr viel Mühe, Zuwanderern wie mir zu verstehen zu geben, dass „man“ grundsätzlich willkommen ist. Die Feinheiten folgen im Laufe der Jahre nach einem Zuzug. Diese Feinheiten können absurder Weise zuweilen sehr deutsch anmuten, da kann es ab und an von Vorteil sein, sowohl schweizerische, als auch deutsche Befindlichkeiten (Empfindlichkeiten?) zu kennen, aber ureigenste Berliner Fähigkeiten zu besitzen.
Eine der grössten Veränderungen in meinem Leben wurde vor einigen Jahren durch einen Brief, im Mai 2017 vom Stadtrat der Stadt Zürich an mich und zahlreiche andere in Zürich lebende Ausländer gesendet, eingeleitet. Nein, „man“ bat mich nicht darum, Bürger der Confoederatio Helvetica zu werden, man erinnerte mich lediglich daran, dass mir diese Möglichkeit nach einer gewissen Zeit des Lebens in Zürich nunmehr offen stehen und sich mit Beginn des Jahres 2018 die Modalitäten zur Einbürgerung grundlegend ändern würden. Dieses Prinzip der indirekten Aufforderung ist wiederum sehr schweizerisch und meines Erachtens nach zutiefst undeutsch (und das ist gut so, also der schweizerische Weg!). Obwohl rein formal ich damals keine zwingende Notwendigkeit darin sah, jener Erinnerung eine gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken, kam ich dennoch jener nach. Im Nachhinein betrachtet war es wohl eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, wie sich verschiedene Male nach meiner Einbürgerung zeigen sollte. Die Stadt Zürich hat aus mir einen Schweizer gemacht (nein, keinen Eidgenossen!) und bis zum heutigen Tage duldet diese Stadt und dieser Staat die Tatsache, dass ich mein Anrecht, mich weiterhin zusätzlich „Bürger der Bundesrepublik Deutschland“ nennen zu dürfen, auch weiterhin wahrnehme. Auf den Punkt gebracht werde ich immer ein Berliner bleiben, ich war nie ein Deutscher, habe mich nie so gefühlt oder bewusst als solcher identifiziert. Eidgenosse kann ich nicht werden (will ich auch gar nicht!), aber ich bin ein klein wenig stolz darauf, bewusst diesen Weg gewählt zu haben, Schweizer zu werden und damit meinen einstmals sehr berlinisch geprägten Horizont um ein Vielfaches erweitert zu haben. Ich mag dieses Land und diese Stadt! Sie bedeuten mir mittlerweile weitaus mehr, als mein Ursprungsland und deswegen nehme ich aktiv an der Gestaltung dieses Landes, dieser Stadt und dieser Gesellschaft teil, ich habe bis zum heutigen Tage keine einzige Wahl oder Abstimmung ausgelassen. Dass mir die Stadt Zürich und dieser Staat jenen Weg nicht nur überhaupt aufgezeigt, sondern auch allemal gangbar gemacht hat, dafür bin ich dieser Stadt und diesem Staat zutiefst dankbar – trotz aller zuweilen sehr deutsch anmutenden Mechanismen, die in jenem Prozess der Migration zuweilen bemerkbar waren.
So gut all das klingen mag, so sehr drängt sich die Frage auf, warum ich gehe, ich meinen Weg an einem anderen Ort der Schweiz fortsetzen werde und auch bewusst fortsetzen will. Nun, nennen Sie es meinetwegen „Bauchgefühl“. Ich habe mir in den vergangenen Jahren hier in Zürich gewisse „Umgebungsvariablen“ genau angesehen, immer und immer wieder von allen erdenklichen Seiten beleuchtet, abgewogen, ob „externe Veränderungen“ oder aber doch grundlegende private Veränderungen von Nöten sein könnten, um das zumindest für eine Zeit lang zu finden, wonach wohl jeder Mensch sucht: Zufriedenheit. In dem Wort „Zufriedenheit“ steckt das Wort „Frieden“. Frieden ist so unendlich wichtig! Aber man sollte auch nicht jeden Preis zur Erlangung eben jenes Friedens zahlen, zumindest meiner Meinung nach. Insbesondere die vergangenen zwei Jahre, die Jahre der Pandemie, einiger beruflicher und bedauerlicher Weise auch persönlicher Erfahrungen, die unfreiwillig aus mir einen anderen Menschen gemacht haben, als ich vorher war, haben mir vor Augen geführt, wozu Menschen – somit auch Zürcher und Vertreter der Stadt Zürich – in der Lage sein können. Gewisse Menschen haben sehr viel Unfrieden in mein Leben getragen, zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. Nachdem mir im Umkehrschluss bewusst wurde, dass es mir wohl unmöglich sein würde, eben jene Menschen darauf hin zu weisen, dass ich auf gewisse Erscheinungsformen von Unfrieden herzlichst verzichten kann und es mir obendrauf absichtlich und mit Vorsatz unmöglich gemacht wurde, einen für mich gangbaren Mittelweg zu finden, habe ich mich entschlossen, einmal mehr in meinem Leben einen mir bis zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unbekannten neuen Weg einzuschlagen, solange ich noch dazu in der Lage bin. Ein mir einst vorgesetzter Mensch merkte vor mehreren Jahren mal an, dass „man“ in seinem Leben auch mal „ankommen müsse“. Nun, ich bin in diesem Land vor achtzehn Jahren angekommen. Aber deswegen muss ich nicht zum Stillstand verdammt sein! Manch eine Verbesserung ist erst nach einem grundlegenden Wechsel möglich, „Zeit“ und „Leben“ sind keine statischen Dinge, werter ehemaliger Vorgesetzter! Vielleicht erwartet mich anderes, als ich mir jetzt wünsche und erhoffe, aber zumindest arbeite ich aktiv selbst an meiner Zukunft, meiner Zeit, meinem Leben und passe mich unhinterfragt keiner vermeintlich besseren Zukunft an, nur weil sie mir als solche von anderen vorgesetzt wird oder belasse es bei fortwährendem herum meckern, wie es so viele Menschen machen, die mit was auch immer unzufrieden sind. Das war und ist einfach nicht meins und wird es auch niemals werden, dazu steckt trotz aller Erfahrungen noch immer viel zu viel Energie in mir, um mich vollends tatenlos vermeintlich allgemein gültigen Vorgaben zu beugen.
Auf meinem Weg in die Schweiz, nach Zürich und in Zürich bin ich von einigen sehr wertvollen und guten Menschen begleitet worden, Kolleginnen und Kollegen, Menschen aus meinem privaten Umfeld, insbesondere Menschen mit Ecken, Kanten und Eigenheiten (glattgebügelte „Everybody´s Darlings“ und bedingungslos ambivalente Existenzen konnte ich noch nie ausstehen!). Einige von ihnen werden mir fehlen und ich hoffe sehr, dass der Kontakt nicht abreisst. Realistisch betrachtet wird das schwierig, denn ich bleibe meinem Beruf treu, muss also auch in Zukunft gut mit meiner Zeit haushalten – wie die meisten jener guten Menschen auch. Es wird sich also auch in diesem Bereich viel verändern, dennoch möchte ich mich insbesondere bei diesen mir sehr wichtigen Menschen bedanken, dass auch sie mir geholfen haben, in diesem Leben, diesem Land, diesem Beruf und dieser Stadt anzukommen. Diese Stadt und ihre eigene Verwaltung hat sich in den vergangenen achtzehn Jahren auch sehr verändert – nicht vollumfänglich und immer zum Guten. Vielleicht bin ich inzwischen auch zu alt geworden, um mich gewissen Entwicklungen noch so direkt auszusetzen zu wollen, wie ich sie vor allem in den letzten zwei Jahren wahr genommen habe. Diese Stadt und ihre Bürger erscheinen mir zunehmend in einer Phase des hektisch-aktionistischen Umbruchs, ohne konkrete oder dauerhafte Ziele (mit Ausnahme ihrer eigenen grenzenlosen „Selbstverwirklichung“) vor Augen zu haben. Habe ich Zürich anfänglich als ruhige und schöne Stadt kennen gelernt, so verlasse ich sie nunmehr mit dem Bild im Kopf, dass es zunehmend vorbei ist mit jener Ruhe, zu viel ist in Bewegung geraten oder wurde schmählich über Jahre hinweg vernachlässigt. Das scheint sich mittlerweile zu rächen – auch an den Einwohnern dieser Stadt. Der vermeintliche Nabel der Schweizer Welt hat auf vielerlei Art neue Seiten gezeigt, die so gar nicht mit dem zusammen gehen wollen, wie ich Zürich einst kennen lernte. So wie einst Berlin wird auch Zürich zunehmend eine Stadt, die von Menschen mit Geld und deren vermeintlich rechtmässigen und selbstverständlichen Befindlichkeiten gesteuert wird. Eine sehr bedenkliche Entwicklung für das menschliche Miteinander, auf welches diese Stadt und dieses Land zwingend angewiesen sind. Ich hoffe sehr, dass an meinem neuen Wohnort solche Entwicklungen nicht derart präsent sein werden, wie hier und natürlich hoffe ich auch darauf, dort ebenso gute und wertvolle Menschen kennen zu lernen, die mir meinen zukünftigen Weg erleichtern werden. Die Zeit wird zeigen, was aus jener meiner Hoffnung wird. Niemand sonst!
Zum Dank für diese achtzehn Jahre hier in Zürich habe ich in meinem riesigen Archiv gekramt und ein paar Fotos von Orten und Momentaufnahmen heraus gesucht, die mir aus unterschiedlichen Gründen sehr wichtig sind und mich immer an jene achtzehn Jahre erinnern werden, an die Menschen, die mich in jener Zeit begleitet haben. Eines der hier gezeigten Bilder ist sogar noch im Jahr 2004 entstanden, kurz nachdem ich in Zürich angekommen war, ist also auch achtzehn Jahre alt! Es mag den einen oder anderen Betrachter verwundern, dass so wenig Menschen auf jenen Bildern zu sehen sind. Die Erklärung hierfür ist einfach: Um die Schönheit eines Ortes entdecken und sehen zu können, ist es zuweilen besser, wenn man selbst der (nahezu) einzige Mensch vor Ort ist, dann verschmelzen Anblick und Sichtweise zu einer besonderen fotografischen Verbindung. Was diesen Aspekt anbelangt war die Anfangszeit der Pandemie genau „meine“ Zeit! Ich habe Zürich auf eine Art und Weise sehen dürfen, wie das wohl kaum sonst möglich gewesen wäre. Zürich ist – abgesehen vom allzeit herrschenden Beton-Glas-Wahnsinn und ab und an auftretender Eidgenossen-Kleinlichkeit – eine wunderschöne, im Grunde sehr warmherzige Stadt. Ich werde einiges vermissen, aber ich werde auch vieles am neuen Wohnort auf andere Art und Weise wieder entdecken. Zusätzlich zu den Bildern habe ich noch tiefer in meinem Archiv gewühlt und etwas gefunden, was ich Ihnen hier zur Verfügung stellen möchte. Von diesen achtzehn Jahren war ich knapp zehn für die Bewohner Zürichs als Tram-Chauffeur (nein, NICHT Pilot!!!) unterwegs. Eine Zeit lang habe ich ein Blog über diese Tätigkeit geführt. Wenn Sie möchten, können Sie sich die Beiträge aus jenem Blog als PDF-Dateien herunter laden und durchlesen, es ist eine berufliche Sicht auf diese Stadt und jenen Verkehrsbetrieb, welchen ich aus gutem Grunde nun verlasse.
Für diese achtzehn Jahre danke ich Zürich und den Menschen, die mein Leben hier begleitet haben, egal, ob es lehrreiche oder schöne Zeiten waren. Eidgenosse kann ich nicht werden, Schweizer bin ich geworden, Zürcher kann und konnte ich nicht werden, aber Berliner, der Zürcher Mentalität kennen und – partiell – zu schätzen gelernt hat, werde ich bleiben. Kann auch nicht jeder Mensch von sich behaupten, n´est pas?
Adieu & merci vielmal, Züri!
