- Weihnachtliches Basel
- Messe-Areal
- Kleine Neujahrsstreunerei
- Basler Fasnacht
- Am Rhein entlang
- Botanischer Garten Basel
- Naturschutzgebiet Wiesenmatt
- Stadt Bligg – Basel im Kaleidoskop
- Badischer Bahnhof
- Dreiländereck
- Stadtkommando Basel
- „Wenn Steine sprechen“ – Ein Rundgang
- Kannenfeldpark
- Basels „Mobiliar“ – Eine Rundfahrt
- Wenkenhof
- Sportplatz Landhof
- Gartenstadt „Im Vogelsang“

Basel ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Stadt, eine Stadt, die mich sehr oft an meine Heimat und meinen Geburtsort Berlin erinnert. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in welcher die Bunker des Zweiten Weltkrieges, die Berliner Mauer, Grenzanlagen und noch zahlreiche andere Absurditäten, zu welchen das Wesen Mensch in der Lage ist, allgegenwärtig waren und nachwievor sind. In Basel ist das nicht anders, dieser Stadt-Halbkanton hat sehr viele Eigenarten aufzuweisen, die irgendwie mit Grenzen, den Weltkriegen und dergleichen zu tun haben. Das eigenartigste Konstrukt in dieser Hinsicht ist der Badische Bahnhof: Das Hauptgebäude, die Nebengebäude, sowie sämtliche Keller- und Tunnelbauten auf diesem Areal sind nicht nur im Besitz der Deutschen Bundesbahn, sondern stellen auch Territorium der Bundesrepublik Deutschland dar, der Baugrund, auf dem das alles steht, ist aber Territorium der Schweiz. Allein schon diese weltweit (!) einzigartige Eigenart bewegte mich dazu, diesen Bahnhof mal genauer unter die Lupe zu nehmen, mich näher mit seiner Vergangenheit zu befassen. Von wem dieser Bahnhof wann errichtet wurde und weshalb das Verkehrsmittel „Bahn“ in diesem Teil Europas zum Teil recht merkwürdige Streckenverläufe zeigt, soll hier nicht weiter beschrieben werden, dass kann jeder Interessent selbst leicht ermitteln. Mir ging es bei meiner kleinen Streunerei mehr um die staatspolitische Vergangenheit, sowie andere Besonderheiten, die man so auf anderen Bahnhöfen nicht zu sehen bekommt. Oder einstmals zu sehen bekam.

1933, zwanzig Jahre, nachdem jener Bahnhof fertig gestellt worden war und kurz nach der Machtergreifung Hitlers im benachbarten Deutschland, wurde, wie auf jenem nicht genauer datierten Foto oben zu sehen ist, am Turm jenes Bahnhofes neben der Deutschen Reichsflagge auch die neue Nationalsozialistische Flagge gehisst – weithin sichtbar für alle Basler Bürger und Reisende, die am Badischen Bahnhof ankamen oder irgendwo hin fahren wollten. Offizielle Vertreter der Schweiz und natürlich die Einwohner Basels protestierten heftig gegen jenen ausgesprochen fragwürdigen staatspolitischen Akt Nazi-Deutschlands auf Territorium der Schweiz und so verschwand die Nazi-Flagge durch den Einsatz Schweizer Kommunisten (ja, auch die gab es hier…) kurz darauf wieder. Aber dieser provokante Vorfall, Sinnbild für das Selbstbewusstsein des neu erstandenen Dritten Reiches, sollte nur ein erster Vorbote für das sein, was in den dunklen Jahren darauf noch folgen würde. Es ranken sich sehr viele Mythen und Geschichten um diesen Bahnhof! Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges befürchteten Armee- und Staatsführung der Schweiz, dass dieser Bahnhof mit seinen weitläufigen, heute teilweise zugemauerten Tunnelanlagen, ein zentraler Ausgangspunkt für eine Invasion Nazi-Deutschlands in die Schweiz werden könnte. Grössere Truppen hätten relativ unbemerkt zu jenem Bahnhof gebracht werden können, der Badische Bahnhof war und ist nicht ausschliesslich für den Personentransport, sondern auch für den Güterumschlag gebaut worden. Aus rein militärischer Sicht wäre die Eroberung Kleinbasels eine kurze Angelegenheit gewesen, dieser Teil Basels war kaum militärisch gesichert. 1940 wurden in den Strassen um den Bahnhof herum Einheiten der Schweizer Armee postiert, wirksame Verteidigungsstellen, die in grosser Hektik zwischen 1938 und 1940 von der Schweiz erbaut wurden, fanden sich aber fast ausnahmslos erst auf der anderen Seite des Rheins in Gross-Basel. Mit Entstehung der „Reduit-Politik“ verloren all jene militärischen Konstrukte der Schweiz ihren Sinn, Basel wurde sozusagen aufgegeben und nicht weiter in die militärische Verteidigungsplanung einbezogen.
Nahe liegender Weise vermutete man in dem Badischen Bahnhof aber auch eine Drehscheibe für Spionage und Informationsaustausch. So wurden von den 650 im Bahnhof beschäftigten Deutschen zwischenzeitlich 100 wegen Verdachts auf entsprechende Aktivitäten festgenommen, jeder, der in jenem Bahnhof arbeitete oder diesen Bahnhof als Anfangs- oder Endpunkt für eine Reise in Anspruch nahm, war höchst verdächtig, an kaum einem anderen Ort waren die Diskrepanzen zwischen der Schweiz und Nazi-Deutschland derart offensichtlich und deutlich spürbar. Mit der Machtergreifung wuchsen auch die Spannungen zwischen der Basler Bevölkerung und den Deutschen, die anderweitig auf Stadtgebiet tätig waren. Kinder von Deutschen, die in Basel zur Schule gingen, wurden häufig in Prügeleien verwickelt, Arbeitnehmer aus Deutschland zunehmend durch langwierige Personenkontrollen schikaniert. Besonders traurig aber ist eine wahre Geschichte, die sich an jenem Bahnhof irgendwann um 1938 oder 1939 herum zugetragen hatte und stellvertretend für das Leid vieler Juden steht, die noch versuchten, irgendwie aus Deutschland in die Schweiz zu gelangen. Ein kleiner Teil einer jüdischen Familie wartete am „Elsässer Bahnhof“ (offiziell „Bahnhof Basel SNCF“, inoffiziell auch „Französischer Bahnhof“, ein Teilstück am grossen Bahnhof Basel SBB, welches in kommender Zeit komplett zurück gebaut und in den bestehenden Grossbahnhof integriert wird) auf Verwandte. Diese versuchten, mit der Bahn in die Schweiz zu gelangen, mussten aber die Strecke nehmen, die auch über den Badischen Bahnhof führte. Die kleine Familie wartete umsonst am Elsässer Bahnhof, noch am Badischen Bahnhof wurden die Verwandten abgefangen und in einen Zug direkt in eines der Konzentrationslager gesetzt, in welchem sie kurz darauf umgebracht wurden. Eine Station vor einer vermeintlichen und damals schon trügerischen Sicherheit endete für sie die Hoffnung auf ein Überleben in Europa. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Die Nazis scheuten sich nicht, in den Folgejahren immer wieder mit Juden vollgepferchte Viehwaggons über dieses Bahnstück in der Schweiz zu transportieren. Die in der Nähe lebende Bevölkerung Basels berichtete immer wieder über hörbare Schreie von Menschen aus Richtung des Badischen Bahnhofes…
Natürlich suchte ich auf meiner Streunerei im Bahnhof nach Hinweisen auf jene Zeit und die Ereignisse, aber es wunderte mich ehrlich gesagt nicht geringsten, dass nichts, wirklich absolut nichts auf jene dunkle Zeit hin deutet. Keine Informationstafel, keine Gedenktafel, keine „Stolpersteine„, einfach nichts. Weder von Deutscher, noch von Schweizer Seite her, nicht im Bahnhof selbst und auch nicht um ihn herum auf Territorium der Schweiz. Weder der Deutsche Staat, noch die Deutsche Bundesbahn oder die Regierung der Schweiz hat es bis zum heutigen Tage hin bekommen, auf diesen Teil der Geschichte für jedermann sichtbar einzugehen. Ehrlich gesagt schämte ich mich in jenem Moment nicht nur meiner Deutschen Wurzeln, sondern auch meiner Schweizer Staatsbürgerschaft. Ich wollte das nicht so recht wahr haben, dass so absolut nichts an jene Zeit erinnert! Also marschierte ich in einen Schalter der Deutschen Bahn, um vielleicht mehr in Erfahrung bringen zu können. Ich wurde nicht begrüsst, noch bevor ich mein Anliegen vorbringen konnte, schallte es mir bereits „sehr deutsch“ von einem der beiden anwesenden Herren entgegen:
„Das Fotografieren der Halle ist verboten, steht auch in der Hausordnung!“
Ich liess dieses mir bestens bekannte typisch deutsche Verhalten erst einmal für eine Millisekunde sacken, atmete durch und antwortete:
„Auf den blauen Plakaten, die hier überall aushängen? Ich habe mir die gründlichst durchgelesen und da steht nichts von einem Fotografie-Verbot, schon gar nichts von einem, welches sich nur auf die Halle bezieht.“
Nicht, dass jener Bahn-Mitarbeiter jetzt etwas freundlicher geworden wäre! Er las sich jenes Plakat, welches ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes hing, durch. Und schwieg. In Bezug auf mein Anliegen, mehr Informationen zu diesem Bahnhof zu erhalten, verwies er mich (noch bevor ich mein Anliegen zu Ende formulieren konnte), an eine Dame an einem Schalter in einem anderen Raum der Haupthalle. Jenes Gespräch war deutlich freundlicher. Aber auch sie wusste nichts von irgendwelchen Hinweisen auf die Geschichte jenes Bahnhofes. Und auch nichts über die Ereignisse, die sich hier einst zugetragen hatten. Wer mich kennt, wird sich nicht darüber wundern, dass ich mir nunmehr vornahm, einen der sonst zahlreich an jenem Bahnhof herum laufenden Bundesdeutschen Grenzbeamten zu jener Thematik zu befragen – aber ich sah nur zwei von ihnen die gerade damit beschäftigt waren, einen dunkelhäutigen Menschen in einen Raum abzuführen. Ich verzichtete auf die für mich sonst typische „zwischenstaatliche Stänkerei“ und schlich noch ein wenig herum. Es sollte nicht lange dauern und ich stolperte über die nächste der zahlreichen Fragwürdigkeiten jenes Bahnhofes. Im Bereich des ehemaligen „Fürstengartens“, ein kleines Parkareal auf dem Gelände dieses Bahnhofes, welches neben einer unterirdischen, einstmals grosszügig gestalteten Halle eigens im Auftrag des Grossherzoges von Baden 1913 errichtet wurde, damit dieser sich von seiner „strapaziösen Reise“ im Bahnhof erholen könne, weilt nunmehr ein Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland. Für mich als Bürger der Bundesrepublik hat das den grossen Vorteil, dass ich nicht nach Zürich oder – schlimmer noch – in den Hochsicherheitstrakt der Deutschen Botschaft in Bern muss, um meinen Deutschen Pass verlängern zu lassen. Allerdings erinnerte ich mich auch sofort daran, dass den Juden hier am Bahnhof einst – und Achtung, bitte jetzt gut lesen! – auf Drängen der Schweizer Regierung (!!!) jener Zeit ein grosses unübersehbares „J“ in deren Pass gestempelt wurde. Zur schnelleren Erkennung und in Folge auch zur schnelleren Abschiebung, Juden waren keine von der Schweiz anerkannten politischen Flüchtlinge! Unnötig zu erwähnen, dass entsprechende Behörden Nazi-Deutschlands jenem Drängen der Schweiz fast schon liebend gern und unkompliziert nachgaben. Ich hoffe sehr, dass wenigstens jener Honorar-Konsul sich der Geschichtsträchtigkeit seines Arbeitsplatzes hier in Basel bewusst ist. Zumindest habe ich mir vorgenommen, zu gegebener Zeit auch hier mal nachzufragen…
Man kann nach Terminvereinbarung sich durch Teile dieses Bahnhofes führen lassen, auch durch die unterirdischen Räumlichkeiten – aber ausschliesslich in Begleitung eines Sicherheitsbeamten (wahrscheinlich auch von der Deutschen Bahn oder des Grenzschutzes). Vielleicht wird dann auf jener Führung noch ein kleines, ebenso merkwürdiges Detail hingewiesen, welches mir mehr durch Zufall auffiel: Für „normale“ Reisende stehen mehrere Perrons und Gleise zur Verfügung – aber erst ab Gleis mit der Nummer „2“. Das Gleis „1“ ist nicht öffentlich zugänglich, dieser Bereich ist für den Deutschen Zoll und Grenzschutz reserviert und entsprechend abgeschottet. Aber hier sitzt auch der Schweizer Zoll und Grenzschutz. Ebenso abgeschottet. Noch immer nimmt dieser Bahnhof eine sehr offensichtliche Sonderstellung ein, die bei Menschen wie mir für sehr gemischte Gefühle sorgt. Die meisten Reisenden jedoch, die diesen Bahnhof heutzutage frequentieren, werden wohl kaum etwas über all das wissen. Die sitzen sogar im Cafe des „Fürstengartens“ und lassen es sich gut gehen…
Trotzdem habe ich zwei Bilder von der „verbotenen Halle“ machen können, bevor typisch „deutscher Geist“ das hätte verhindern können.
