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„In Frankreich wird gevögelt, gewohnt und geschlafen, in Deutschland gekauft, gefressen und frisiert (Automobile wie auch Köpfe) und in der Schweiz wird die Sau raus gelassen, wenn man sich das leisten kann, ansonsten wird dort gearbeitet, wenn das mehr Lohn bedeutet.“ – so in etwa lautete der erste Gedanke, der mir in den Kopf kam, als ich endlich mir eine geopolitische Konstruktion näher zu Gemüte führte, welche ich schon lange auf meiner privaten „To Do“-Liste hatte: Das Dreiländereck im Norden Basels.
Ich habe mir in meinem Leben schon so manch eine Absurdität mit Namen „Grenze“ zu Gemüte geführt, aber etwas vergleichbares wie das, was sich an bereits genanntem Ort befindet, habe ich so noch nie zu sehen bekommen. Genauer: Noch nie hat eine Grenze derart viel Gedankengänge in mir in Bewegung gesetzt. Heute habe ich jenes Konstrukt zum ersten Male, seitdem ich in Basel lebe, nicht beruflich überquert, sondern privat. Wenn ich beruflich unterwegs bin, dann überquere ich mit einem Tram der Linie 8 der Basler Verkehrsbetriebe die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, auf der 3 hin und wieder die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Ist die 3 für mich allemal erträglich (wenn auch zuweilen je nach Wochentag etwas arg trist), so bringt mich die 8 hin und wieder an meine Grenzen. Der deutsche Zoll und / oder die deutsche Bundespolizei ruiniert mit nahezu bewundernswerter Gleichmässigkeit jede ohnehin schon arg fahrplanmässig knapp bemessene Zigarettenpause am „Bahnhof Weil am Rhein“ in Deutschland. Seit dem ich hier in Basel auch jene andere Grenze überquere, habe ich bisher lediglich ein einziges Mal Zoll-Beamte aus Frankreich wahr nehmen dürfen. Ganz ehrlich: So langsam aber sicher komme ich zu der Auffassung, dass der deutsche Amtsschimmel immer noch nicht gelernt hat, mit gewissen Dingen etwas entspannter umzugehen, da könnte mein Geburtsstaat noch sehr viel von Frankreich oder der Schweiz lernen. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn der Amtsschimmel nicht fortwährend galoppieren würde. Auch hier wieder: Egal, ist nicht überlebenswichtig. Trotzdem Zeit, hier einmal ein paar Zeilen zu hinterlassen, die mit dem Dreiländereck nichts zu tun haben. Gar nichts. Oder vielleicht doch:
Eine Weisheit der Dakota-Indianer lautet: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
In der Realität kommen andere Strategien zum Einsatz:
– Wir erklären: Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch reiten könnte.
– Wir überarbeiten die Leistungsbedingungen für tote Pferde.
– Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
– Wir definieren neu den Qualitätsstandard für den Beitritt toter Pferde.
– Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
– Wir bilden einen Crashkurs, der sich mit den Bedürfnissen toter Pferde befasst.
– Wir stellen Berater an, die angeblich wissen, wie man tote Pferde reiten kann.
– Wir bilden Qualitätszirkel, um eine mögliche Wiederverwendung toter Pferde zu evaluieren.
– Wir verteilen an Qualitätssicherungsseminaren ein Handout mit der Überschrift: „So haben wir das Pferd doch immer geritten!“
– Wir präsentieren eine PowerPoint Präsentation unter dem Titel: „Tote Pferde im Wandel der Zeiten“.
– Wir strukturieren um, damit eine andere Abteilung das tote Pferd wiederbelebt.
Das Dreiländereck im Norden Basels ist ein Schmelztigel, Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt treffen hier aufeinander, ohne sich zu treffen. Hier herrscht Durchgangsverkehr, nicht nationale Annäherung durch Besinnung. Die Grenzgänger, die in der Schweiz mehr verdienen, als in der EU, treten zurückhaltend auf, gehen ihre Wege. Die Schweizer, die meinen, sie könnten der Schweizer Wirtschaft ein Schnippchen schlagen, indem sie mit ihren nicht selten in Deutschland auf Vordermann gebrachten Automobilen nach Deutschland fahren, die sich ein normaler Durchschnittsdeutscher nicht leisten kann, stillen ihren Hunger nach was auch immer in Deutschland. Umgekehrt findet das nicht statt, die Nummernschilder an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz belegen diese meine Annahme. In der Schweiz kauft hier kaum ein Deutscher oder Franzose ein. Der Schweizer spart, indem er oder sie jenseits der Grenze einkauft. Der Deutsche geht in Deutschland einkaufen, ebenso viele Franzosen, weil in Huningue (ehemals „Hüningen“) etwas vergleichbares zum „Rheincenter“ in Deutschland schlichtweg dort auf der französischen Seite nicht existiert, der französische Teil des Dreiländerecks wirkt verschlafen, streckenweise sogar wie ausgestorben. Im Zweifelsfalle ist es einem Menschen egal, woher man kommt, spielen Konstrukte wie „EU“, „bilaterale Beziehungen“, „Wirtschaftsraum* und dergleichen keinerlei Rolle. An kaum einem anderen Ort wie hier im Dreiländereck in Basels Norden kann man die Konsequenzen menschlicher Ambivalenz besser und auch deutlicher beobachten. Natürlich hat „man“ sich Mühe gegeben, hier mit allen erdenklichen Mitteln zu verstehen zu geben, dass die vorhandenen Grenzen eigentlich gar nicht vorhanden sind, die Welt im Allgemeinen und die EU in „Partnerschaft“ mit der Schweiz eine offene, freundlich gesinnte Angelegenheit ist. Man hat hier viele Möglichkeiten installiert, um einander zu begegnen. Sowohl auf französischer, wie auch auf deutscher Seite wurde das Rhein-Ufer mit Beton-Sitzgelegenheit zugepflastert. Nur sitzt da niemand. Aus rein landschaftsarchitektonischer Sicht ein Meisterwurf, aber nicht aus menschlicher. Der Zoll oder die Bundespolizei Deutschlands ruiniert das – wie bereits erwähnt – mit bewundernswerter Gleichmässigkeit, was andere Köpfe an einem grünen Tisch weit entfernt von der Realität einst erdachten.
Überquert man die „Dreiländerbrücke“, die das deutsche „Weil am Rhein“ mit „Huningue“, Bestandteil der grösseren Gemeinde „Saint Louis“, verbindet, so läuft man an der Schweiz vorbei, diese Brücke verbindet zwei Länder, nicht drei, „Zweiländerbrücke“ wäre wenigstens ehrlich. Sie wirkte auf mich wie eine Aussichtsplattform mit Blick auf die Schweiz. So wie einst die Plattformen an der Grenze, die einst durch Berlin verlief. Vom Kapitalismus rüber zum Sozialismus. Hier am Nordrand Basels genau umgekehrt. Rüber zu den „reichen“ Schweizern. Ich bin Schweizer. Aber weit davon entfernt, mich reich zu nennen, würde ich mich auf Boden der Schweiz allein bewegen. Auf der Schweizer Seite des Dreiländerecks sollte man jedenfalls über das nötige Kleingeld und eine ganze Menge Toleranz verfügen! Hier, an jenem an einen Dorn erinerndern Landstück, welches in die Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland stechen will, aber nicht genug weit reicht (um aus der Zweiländerbrücke irgendwann wirklich auch einmal eine Dreiländerbrücke zu machen…), hier wird gefeiert, hier treffen Franzosen auf Deutsche und Schweizer. Jedes Wochenende pilgert hier hin, wer es in Basel – und somit auf Schweizer Seite – etwas exklusiver haben will. Hier dienen unter anderem ein ehemaliges Rheinschiff und eine „Oase“ als Partyzone. Um aber dort hin zu gelangen, muss man erst einmal an den Hinterlassenschaften des Menschen – egal, ob Franzose, Schweizer oder Deutscher – vorbei. Zwischen den beiden Weltkriegen wurde hier der Basler Hafen in unterschiedlichen Etappen gebaut. Wer heute – auf Schweizer Seite des Dreiländerecks – es sich hier so richtig gut gehen lassen will, muss unter anderem auch an dem grössten Müllhof der Stadt Basel vorbei. Auf Schweizer Seite stinkt es im Dreiländereck. Trotzdem wird hier gefeiert. Nicht in Frankreich und auch nicht in Deutschland. Hier stinkt sogar das Geld, was man einfach haben muss, will man hier auf der Schweizer Seite des Dreiländerecks einfach nur leben. Wer von Deutschland oder Frankreich hier hin will, muss Umwege machen, eine direkte Verbindung gibt es nicht, Dreiländereck hin oder her. Sehr Schweizerisch. Aber auch typisch EU. Der obligatorische Foto-Rahmen der Grand Tour of Switzerland kann diese Dreiländer-Spezialität nur bedingt einfangen…
Wer diesen Umweg auf sich nimmt, kann (besser: muss) auch erkennen, dass all das, was für mich heute mehr als „erzwungener Schein“, denn als „natürlich gewachsenes Sein“ erschien, nur unter Opfern zu erreichen war. Überquert man von Deutschland aus die Grenze zur Schweiz (eine Direktverbindung von Frankreich zur Schweiz gibt es hier nicht), so betritt man den Grund und Boden von „Kleinhünigen“, welches Ortsteil der Stadt Basel ist. Einst war Kleinhünigen ein sicherlich wunderschönes kleines Dorf inmitten eines einst hier frei fliessenden Flusses mit Namen „Rhein“, ob Sie es nun glauben oder nicht, hier gab es einst Flussauen! Eine Art von Landschaft, die nahezu verschwunden ist, deren ursprünglicher Wert erst vor kurzer Zeit wieder erkannt wurde. Hier war es vor langer Zeit einmal schön, sogar so schön, dass kein geringerer als Carl Gustav Jung hier einst viele Jahre seines Lebens verbrachte. Heute haben hier Schulkinder das grosse Glück, vom Pausenhof aus die Aussicht auf den wohl grössten Müllhof der Schweiz geniessen zu dürfen. Wenigstens wurden an verschiedenen Orten Informationstafeln aufgestellt, die zahlreiche Bilder aus der Zeit zeigen, bevor und während die Flussauen-Landschaft in das heutige Hafen- und Industriegebiet umgewandelt wurde. An dieser Stelle ein Hinweis: Im Hafengebiet steht der älteste Silo (gleichzeitig auch das erste Hochhaus in Basel, erbaut irgendwann in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts). Einst konnte man auf den Turm des Silos gelangen und eine fantastische Aussicht geniessen, seit einiger Zeit aber ist das aufgrund eines Unfalles nicht mehr möglich, der Aussichtsturm ist dauerhaft gesperrt – entgegen der Aussage auf einer der Informationstafeln.
Ich könnte noch so viel mehr darüber schreiben, was ich heute alles in Erfahrung gebracht habe, dabei empfunden habe, aber man muss diese Erfahrung einfach selbst machen. Aber warum ausgerechnet hier der Bildrahmen der „Grand Tour of Switzerland“ zu finden ist, ganz nahe an einem Kunstkonstrukt, welches mich entfernt an einen Marschflugkörper erinnert, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin: Wenigstens hier am Dreiländereck kann man die Erkenntnis einrahmen, dass nicht alles in der Schweiz so schön ist, wie es erscheinen mag. Aber es sieht für meine Begriffswelt immer noch besser aus, als in Deutschland, wo jetzt zu diesem Zeitpunkt aufgrund Ladenschlussgesetz der Schweizer Kaufkraft ein Ende gesetzt wurde oder aber auf französischer Seite, wo in an die Pariser „Banlieus“ erinnernden Gebäuden wohl gerade (zum Teil überdeutlich wahrnehmbar) gevögelt oder gewohnt wird. Oder geschlafen.
